Viele träumen von einem nomadischen Leben, von endloser Freiheit und davon, tun und lassen zu können, was einem beliebt. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen sich Freigeist und digitales Arbeiten immer mehr zur Normalität entwickeln und zahlreiche Influencer dieses Leben zusätzlich verherrlichen.

Dabei werden die vielen positiven Aspekte betont – während die Realität oft außen vor bleibt.
Heute berichte ich von den schönen Seiten, aber auch von den weniger positiven Punkten, die das Leben auf Reisen mit sich bringt und was das Reisen mich gelehrt hat.

Die verherrlichte Freiheit

Das Leben auf See bietet deutlich weniger Freiheit, als viele im ersten Moment vermuten. Der Tagesablauf ist klar strukturiert, Arbeitszeiten müssen eingehalten werden und auch der Ausgang im Hafen kann durch verschiedene Vorgaben eingeschränkt sein.

Viele Reedereien bieten ihrer Crew nur begrenzte Möglichkeiten, die jeweiligen Länder wirklich kennenzulernen. Manche Kollegen – vor allem in der Nachtschicht – opfern ihren Schlaf, um überhaupt einmal den Hafen erkunden zu können. Zusätzlich können behördliche Einschränkungen den Aufenthalt erschweren: kein passendes Visum, ein zu hohes AGE-Level an Bord oder die „falsche“ Nationalität – die Einreise wird verweigert und man bleibt an Bord.

Auch Sicherheitsaufgaben spielen eine Rolle. Das sogenannte In Port Manning (IPM) regelt mit rotierenden Gruppen, wer an Bord bleiben muss, um im Notfall eine Evakuierung von Gästen und Crew sicherzustellen.

Der Gedanke an grenzenlose Freiheit auf See ist weit verbreitet – liegt jedoch oft Fern der Realität.

Gerade auf gängigen Routen, bei denen man alle sieben bis vierzehn Tage denselben Hafen anläuft und eine komplette Saison im gleichen Fahrtgebiet verbringt, siegt häufig der Wunsch nach Schlaf oder dem Erledigen alltäglicher Dinge wie Wäsche über den Drang, das Schiff zu verlassen.

Befindet man sich hingegen in einem außergewöhnlichen oder persönlich interessanten Zielgebiet, möchte man jede einzelne Minute im Hafen verbringen. So ging es mir etwa in Grönland, Island oder Asien.

Doch auch als Reiseberater an Bord – trotz einiger Vorteile – ist nicht immer alles möglich. Auch wir haben Sicherheitsaufgaben, weshalb nicht alle gleichzeitig das Schiff verlassen können. Entscheidungen müssen abgestimmt werden. Das führt dazu, dass man nicht jeden Hafen oder jedes Land entdecken kann.

Es ist ein Geben und Nehmen, eine Kunst der Kompromisse.
Ich habe auf die Halong-Bucht verzichtet, dafür aber eine Nacht in Bali gewonnen – eine Nacht mit meinem Partner, der sich zu dieser Zeit dort aufhielt. Da wir uns während meines siebenmonatigen Einsatzes nur in diesen Stunden sehen konnten, war dieser Kompromiss jede Konsequenz wert.

Hier muss jeder für sich entscheiden, worauf er verzichten kann – sei es Schlaf, Wäsche oder ein Ausflug.

Alleinsein und Einsamkeit sind nicht dasselbe

Zwischen Alleinsein und Einsamkeit liegt ein schmaler Grat. Ein Gleichgewicht, das man erst finden muss.

Gerade im Umgang mit Gästen kann man schnell das Bedürfnis entwickeln, sich zurückzuziehen. Manche Crewmitglieder meiden dann bewusst den Kontakt zu anderen. Dabei sollte man seine mentale Gesundheit nicht außer Acht lassen.

Viele finden Ausgleich in der Crewbar, treffen sich auf ein Getränk, sprechen über den Arbeitstag, lassen Frust ab oder sitzen einfach gemeinsam still beieinander. Andere bauen sich eine temporäre Familie an Bord auf, um nicht alleine zu sein. Ähnlich wie an Land möchten viele nicht alleine essen oder einen Hafen erkunden.

Getrennt von Familie und Freunden braucht es Ersatz. Manchmal entstehen enge Bindungen, die sich beim Verlassen des Schiffs im Nichts verlieren. Und manchmal – selten, aber umso wertvoller – halten diese Freundschaften über mehrere Verträge oder sogar ein Leben lang.

Oft ist man gemeinsam allein – aber nur selten wirklich einsam.

Mentale Gesundheit an Bord

Mentale Gesundheit ist ein ernstzunehmendes Thema auf See. Heimweh, verpasste Geburtstage, Feiern oder Beerdigungen zehren an der Kraft.

Manche brechen den Traum früh ab, weil sie nicht mit der Arbeitsbelastung, der Distanz zur Heimat oder dem Gefühl der Isolation gerechnet haben. Andere leiden unter fehlender Privatsphäre oder dem begrenzten Raum in geteilten Kabinen.

Wichtig ist, sich dies einzugestehen und entsprechend zu handeln – sei es durch Gespräche mit anderen oder durch den bewussten Abbruch der Reise.

Für manche, insbesondere Crewmitglieder aus anderen Ländern, steht das Geld im Vordergrund. Der Verdienst ermöglicht es, Familien zu Hause zu versorgen. Warnsignale werden ignoriert, der Alltag reduziert sich auf Arbeit, Essen und Schlafen. Kummer wird nicht selten im Alkohol ertränkt.

In guten Fällen greifen Kollegen ein und stützen sich gegenseitig. In schlechteren Fällen endet es mit einem Alkoholtest und einer fristlosen Kündigung. In den schlimmsten Fällen verschwindet ein Crewmitglied spurlos. Ob jemand gefunden wird, ist ungewiss.

Auch das gehört zur Realität – selten sichtbar für Gäste, aber existent.

Wie wenig man tatsächlich braucht

Wer für sechs Monate packt, packt fast immer zu viel. Anfangs wollte ich auf jedes Wetter vorbereitet sein. Am Ende trug ich doch immer dieselben Sachen.

Mit Waschmaschinen und Trocknern an Bord ist Kleidung schnell wieder einsatzbereit. Platz ist ohnehin begrenzt. Was man wirklich braucht, sind Unterwäsche und Socken – davon kann man nie genug haben.

Die meiste Zeit trägt man Uniform, private Kleidung nur in der Freizeit oder im Hafen. In wiederkehrenden Häfen verlässt man das Schiff seltener – und benötigt noch weniger.

Besser ist es, Platz für Souvenirs zu lassen und das dritte Paar Jeans zu Hause zu lassen.

Abschiede auf die eigene Weise

Als Seefahrer lernt man, dass nichts von Dauer ist. Man lernt Menschen kennen, die für eine gewisse Zeit das halbe Leben bedeuten – und dann gehen.

Gemeinsames Lachen, Weinen und Durchhalten schweißt zusammen. Man wird zu einer Familie. Und dann, oft von einem Tag auf den anderen, ist jemand weg.

Ich sehe an Wechseltagen Kollegen, die sich weinend verabschieden. Manche trauern lange, andere passen sich schneller an. Die Atmosphäre an Bord verändert sich ständig – mit jedem Schiff, jedem Management, jeder Crew.

Ich selbst weine selten bei Abschieden. Nicht, weil es mir egal ist, sondern weil man lernt, Menschen mit der Gewissheit kennenzulernen, sie irgendwann wieder zu verlieren.

Bei meinem Partner ist es anders. Doch auch hier wird der Schmerz der Trennung mit der Zeit vertrauter – nicht leichter, aber handhabbarer.

Wenn das Zeitgefühl trügt

Ein Einsatz an Bord verläuft meist in drei Phasen:

Phase 1 – Eingewöhnung:
Motivation, Neugier, Vorfreude. Die Zeit vergeht schnell.

Phase 2 – Erschöpfung:
Geduld schwindet, alles wird zu viel. Die Zeit zieht sich, der Körper streikt, Krankheiten treten auf.

Phase 3 – Countdown:
Das Ende ist in Sicht. Tage werden gezählt. Rückblickend vergeht alles plötzlich viel schneller.

Ist dieses Leben für mich?

Dies muss jeder für sich selbst entscheiden.
Es gibt gute und schlechte Tage, positive und negative Aspekte.

Ich kenne kein Heimweh. Mein Zuhause ist dort, wo ich bin. Heimat ist kein Ort – es ist ein Gefühl. Eine Entscheidung. Oder viele davon.

Ich habe mich bewusst für dieses Leben entschieden und trage die Konsequenzen. Ich verpasse, wie meine Nichten und mein Neffe aufwachsen. Ich verpasse Meilensteine. Ich habe Freunde verloren.

Bereue ich es? Nein.
Ich würde es jedes Mal wieder tun.

Denn nichts ersetzt diese Erfahrungen.
Ohne sie wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

Ahoi – und möge immer eine Handbreit Wasser unter deinem Kiel sein.


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